Wohnst du
noch oder lebst
du wieder?

Wie die Wohnung,
die Bühne des Privattheaters,
sich wandelt

Anfang dieses Jahres liess ich die obere Etage unseres Hauses renovieren, mit neuen Holzböden, mit diesem schönen hellen Eichenholz. Das genügte, mein Leben zu verändern. Ich latsche nicht mehr durch Räume, ich betrete sie elegant, ich fühle mich verwöhnt, ich bin gleich inspiriert, wenn die Sonne herein­scheint, ich arbeite fantasie­reicher, auch aus­dauernder, weil ich praktisch nicht mehr fernsehe, der Schrott am Bild­schirm passt einfach nicht zum Stil der Böden.

Tickt der Mensch so einfach? Neue Böden – neues Leben? Ich glaube schon. Manche denken, Menschen seien vernünftige Wesen, über den Verstand gesteuert. Ich sehe uns als Sinnen­wesen. Wir richten uns nach dem, was wir sehen und hören und empfinden. Wir passen uns dem Milieu an, in dem wir leben. Nicht zufällig sagt man: Die Kulisse ist das halbe Theater. Und in welcher Kulisse spielt unser höchst­persön­liches Theater? In unserer Wohnung.

Die Wohnung, die Bühne unseres Privat­theaters. Da spielen wir keine Rolle, tragen keine Maske, hier sind wir, wie wir sind. Was daraus wird, bestimmt die Art der Wohnung mit. Oscar Wilde hat das mal prima formuliert. Auf die Frage «Warum, Mister Wilde, ist Amerika ein derart gewalttätiges Land?» antwortete er: «Weil die Amerikaner so hässliche Tapeten haben.» Genial. Der Mensch ist nicht von Natur aggressiv oder charmant oder klug oder doof. Wir entwickeln uns durch Anpassung an Aussen­reize. Wir richten uns nach den Tapeten, den Kulissen. Wirken die animierend, leben wir auf. Wirken sie hässlich, schrumpfen wir – oder rasten aus.

Die Wohnung ist die Bühne unseres Privattheaters. Da spielen wir keine Rolle, tragen keine Maske, hier sind wir, wie wir sind. Was daraus wird, bestimmt die Art der Wohnung mit.

So oder so – beim Wohnen suchen wir Rekreation. Wir brauchen einen Ort, wo wir ungestört vom öffentlichen Betrieb auftanken, emotional wie geistig, um dann mit frischen Kräften und Ideen draussen wieder mitzu­mischen. Lange sahen aber Woh­nungen aus, als wollten wir uns in ihnen verkriechen. My Home is my Castle. Die feudale Devise wandelten wir klein­bürgerlich ab. Wir stopften die Wohnung voll mit Plüsch und Wohnwand und Kitsch aller Art, zogen schwere Vorhänge vor die garstige Aussenwelt. Wir schufen uns ein Séparée einlullender Gemüt­lich­keit, eine Art Futteral für die unbeob­achtete Pflege von Vertraulich­keiten. So fühlten wir uns persönlich bestens geborgen, zur Rekreation unserer Kräfte jedoch verführten diese «Tapeten» kaum. Eher kapselten sie uns ab, luden ein zum welt­flüchtigen Spiesser­tum. Wir häuselten uns ein.

Das korrigiert nun die neuere Architektur. Sie lüftet die Wohnungen durch. Sie vertreibt den alten Mief, das Biedere, Klein­karierte, Beengende. Sie öffnet die Wohnräume hin zur Aussen­welt, sie schneidet grosse Fenster in die Fassaden, das gibt Licht, Luft, Ausblick. Das Private tauscht sich wieder aus mit dem Öffen­tlichen. Der Charme des Persönlichen verbindet sich mit kühler Rationalität. Statt stickiger Gemütlich­keit herrscht die Liebe zur Geometrie, es dominieren Transparenz und Funktiona­lität. War eine ambitionierte Wohnung einst überfüllt mit Erinnerungs­stücken, mit Dekor und Nippes, so wirkt sie heute – leer. Sie schliesst den Bewohner nicht mehr ein in intimen Gefühlswelten, sie traut ihm Freiheit zu, Agilität und Kreativität. Am deutlichsten schwindet das einst Höhlenartige in den Küchen: Sie werden – bei aller technischen Raffinesse – gross­­zügig, gast­freundlich, laden zur Gesellig­keit. So wird der Mensch wieder zum Pendler zwischen drinnen und draussen, zwischen dem Privaten und dem Sozialen.

Die Zukunft des Wohnens beginnt, wo das Soziale mit dem Privaten sich mischt. Wo die Trennung zwischen Privat­leben und Arbeit und Geselligkeit fällt. Es entstehen durch­mischte Parzellen. Besser statt schöner wohnen. Zum Beispiel drei Genera­tionen im selben Bau, vom Baby bis zum Greis. Die Wohnungen mit indivi­duellen Grundrissen. Mit Joker-Zimmern. Ein Gäste­zimmer in jeder Wohnung? Besser eines mieten. Dito Arbeits­raum. Dito Ess­zimmer für grössere Ein­ladungen – im Dachstock. So entsteht eine Dramaturgie, die das Alltags­leben erleichtert (Babysitter stets zur Stelle) und gleichzeitig belebt, bereichert: durch mehr Vielfalt, mehr Reibung, mehr Ergänzung. Erst recht, wenn es gelingt, Wohnen und Arbeiten zu verknüpfen. Wenn es – im selben Komplex – kleine Agenturen, Läden, Restaurants im Erd­geschoss gibt, darüber verschach­telte Büro- und Atelier­flächen; dann kommen hier morgens genauso viele Leute ins Haus, wie andere es verlassen.

Hier sperrt die Wohnung das Leben nicht aus. Sie inszeniert es. Sie wird zur Bühne fürs bunte Leben. Zu wünschen bleibt dann nur noch: Dass Architektur sich nicht länger auf die Liebe zur Geometrie kapriziere, sondern Atmosphäre erzeuge, Empfindung, Stil, Eleganz, Intensität. Dass sie sich erinnere, wie beschwingt ein Bau­körper wirken kann, wie erhebend, wie verführe­risch. Dass sie daran denke, warum Menschen sich in Räumen geborgen fühlen oder abgelehnt oder angeregt. So würde Architektur zur Meisterin irdischer Aufenthalts­qualität. Und Wohnungen würden zu Treibhäusern menschlicher Lebens­freude.

Dr. Ludwig Hasler

ist Philosoph, Physiker und Publizist. Als Philosoph lehrte er an den Universitäten Bern und Zürich. Als Journalist war er für das «St. Galler Tagblatt» und für die «Welt­woche» tätig. Seit 2001 lebt er als freier Publizist, Vortrags­tourist und Hochschul­dozent. Sein jüngstes Buch heisst «Für ein Alter, das noch was vorhat. Plädoyer fürs Mitwirken an der Zukunft».