Fundamenta Real Estate AG

Wohnen im Strukturwandel: Warum sich Bedürfnisse verändern und was das für Wohnungen bedeutet

Warum sich Wohnen vom Bevölkerungswachstum entkoppelt, erklärt Thomas Möckel von Wüest Partner: Strukturelle Lebensverläufe prägen Wohnentscheidungen zunehmend und der Markt reagiert darauf nur langsam und unter Druck. 

Warum wächst die Zahl der Haushalte seit Jahren stärker als die Bevölkerung? Weshalb bleiben Menschen länger in Wohnungen, die nicht mehr zu ihrer Lebens­situation passen? Diese Fragen lassen sich nicht allein mit kurzfristigen Markt­mechanismen beantworten. Vielmehr weisen sie auf grundlegende Verschiebungen im Zusammenspiel von Wohnen, Alltag und Lebensverläufen hin. Thomas Möckel ist Leiter des Trends & Future Lab von Wüest Partner und erklärt, warum Wohnentscheidungen zunehmend von strukturellen Rahmen­bedingungen geprägt werden, die über individuelle Präferenzen hinausgehen, und warum der Wohnungs­markt nur schrittweise und oft unter Druck darauf reagiert.

Der Schweizer Wohnungs­markt befindet sich in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Veränderungen in der Arbeitswelt, die Alterung der Gesellschaft, neue Lebensstile sowie eine anhaltende Angebots­knappheit wirken gleichzeitig auf Nachfrage und Nutzung von Wohnraum. Diese Faktoren wirken nicht isoliert, sondern überlagern und verstärken sich gegenseitig. In der Folge wird Wohnen neu interpretiert. Die Wohnung entwickelt sich vom reinen Wohnort zum zentralen Ankerpunkt des Alltags. Arbeiten spielt dabei weiterhin eine Rolle, jedoch weniger als eigenständiges Thema, sondern als Faktor, der bestehende Entwicklungen beschleunigt und räumlich sichtbar macht. Entscheidend ist nicht die punktuelle Überlagerung von Wohnen und Arbeiten, sondern sind die gestiegenen Erwartungen an den Wohnraum als funktionaler, sozialer und zeitlicher Bezugsrahmen.

Wohnen wird zum zentralen Alltagsort 

Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist die zunehmende zeitliche und räumliche Entgrenzung der Arbeit. Dauerhaft etabliertes Teil-Homeoffice, flexible Arbeitszeiten und ortsunabhängige Tätigkeiten führen dazu, dass viele Haushalte mehr Zeit zu Hause verbringen und ihren Alltag weniger strikt nach Arbeits- und Freizeitphasen organisieren. Pendeldistanzen verlieren bei der Wohnungssuche an Bedeutung, während Flexibilität im Tagesverlauf an Gewicht gewinnt.

Damit verschiebt sich die Funktion der Wohnung: Sie ist nicht mehr primär Ort der Erholung, sondern zentraler Rahmen für Wohnen, Alltag und punktuell auch Erwerbstätigkeit. Entscheidend ist nicht die tägliche Nutzung, sondern dass der Wohnraum grundsätzlich die Option für Homeoffice bietet. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die funktionale Qualität der Wohnung, da sie unterschiedliche Nutzungen im Tagesverlauf aufnehmen können muss. 

Demografie und Haushaltsstrukturen erhöhen den Wohnraumbedarf 

Parallel dazu verändert der demografische Wandel die Wohnraumnachfrage grundlegend. Mit der Alterung der Bevölkerung steigt der Anteil von Ein- und Zwei­personen­haushalten kontinuierlich. Ältere Menschen wohnen häufiger allein oder zu zweit und verteilen sich damit auf überdurchschnittlich viele Wohnungen pro Einwohner. Gleichzeitig führen Trennungen, spätere Familiengründungen sowie der Auszug erwachsener Kinder zu zusätzlichen Haushalts­aufteilungen. Diese Entwicklungen erklären, weshalb das Haushalts­wachstum seit Jahren stärker ausfällt als das Bevölkerungs­wachstum und warum dieser Trend anhalten dürfte. Der zusätzliche Wohn­raum­bedarf entsteht damit weniger durch Bevölkerungs­zuwachs als durch strukturelle Veränderungen der Haushaltsbildung.

Bevölkerungsprognose 2040

Absolutes Wachstum der Anzahl Einwohner

(zusätzliche Einwohner nach Altersgruppe, 2040 im Vergleich mit 2023)

Wohnfläche pro Person

Nach Altersklasse

(Fläche in m2)

Angebotsknappheit verändert Verhalten und Nutzung

Dieser strukturelle Nachfrage­anstieg trifft auf ein begrenztes Angebot. Knappes Bauland, restriktive raumplanerische Vorgaben, steigende Baukosten, strengere Finanzierungs­konditionen sowie komplexe Bewilligungs­verfahren bremsen die Wohnraum­erstellung seit Jahren. Die Folgen sind Wohnungsknappheit, steigende Mieten und Preise sowie sinkende Umzugszahlen. Haushalte bleiben länger in Wohnungen, auch wenn diese nicht mehr optimal zu ihrer Lebenssituation passen. Wohnflächen werden dadurch weniger effizient genutzt: Unterbelegung nimmt zu, während neue Haushalte auf ein zu geringes Angebot treffen. Der Struktur­wandel im Wohnen wird dadurch nicht verursacht, aber in seiner Wirkung verstärkt. Geringe Markt­liquidität und steigende Eintrittshürden erschweren Wohnungs­wechsel und begünstigen eine soziale Verfestigung in angespannten Märkten.

Lebensstile verschieben Prioritäten

Neben Arbeitsmodellen und Demografie verändern sich auch die Lebensstile. Mit der wachsenden Bedeutung des Wohnens als Alltagsort dürften Aspekte wie Wohnumfeld, Erreichbarkeit von Alltagsangeboten, Nähe zu Grünflächen und soziale Einbindung künftig an Gewicht gewinnen. Gleichzeitig nimmt der Wunsch nach Individualität, Rückzug und Konzentration zu. Diese Gegensätze prägen die Anforderungen an den Wohnraum zunehmend. Privatheit und Gemeinschaft werden dabei nicht als Widerspruch, sondern als komplementäre Qualitäten verstanden.

Funktionen, die früher zwingend innerhalb der Wohnung organisiert werden mussten, werden vermehrt situativ ausgelagert oder geteilt, etwa in Form temporär zumietbarer Gäste­apartments, Arbeits- und Besprechungs­räume sowie Spiel- und Aufenthaltsräume. Auch wohnungsnahe Aussenflächen wie Innenhöfe oder Dachgärten gewinnen als regelmässig genutzte Erweiterung des Wohnraums an Bedeutung. Quartiere und wohnungsnahe Angebote übernehmen ergänzende Funktionen, wodurch die Bedeutung von Quartieren und Mikrolagen weiter zunimmt. 

Was bedeutet das für Wohnungen?

Aus diesen Entwicklungen lassen sich klare Konsequenzen ableiten. Die Anforderungen an Wohnungen verändern sich weniger durch neue Konzepte als durch funktionale Verschiebungen. Flexibilität gewinnt an Bedeutung: Grundrisse müssen unterschiedliche Lebensphasen, Haushalts­formen und Nutzungen ermöglichen. Wohnqualität wird stärker über Nutzbarkeit, Rückzugs­möglichkeiten und Umfeld definiert als über Fläche oder Zimmeranzahl. Gleichzeitig gewinnen Lage, Alltagsinfrastruktur und Quartiersqualität an Gewicht. Die Segmentierung nimmt zu, da unterschiedliche Haushalts­typen zunehmend divergierende Anforderungen an den Wohnraum stellen.

Zusammengefasst verändern sich unsere Bedürfnisse an das Wohnen nicht primär wegen einzelner Trends, sondern aufgrund des gleichzeitigen Zusammen­wirkens struktureller Entwicklungen. Arbeit wird flexibler, Haushalte werden kleiner, die Bevölkerung altert und das Wohnungsangebot bleibt knapp. Wohnungen müssen künftig mehr leisten – nicht indem sie jede Funktion aufnehmen, sondern indem sie anpassungsfähig, langfristig nutzbar und gut in ihr Umfeld eingebettet sind. Entscheidend ist ihre Fähigkeit, unterschiedliche Lebens­situationen über die Zeit hinweg zu tragen und unter veränderten gesellschaftlichen Rahmen­bedingungen marktfähig zu bleiben.

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Thomas Möckel

Manager, Wüest Partner AG

Thomas Möckel ist als Manager bei Wüest Partner AG tätig. Er hat an der TU Dresden und der ETH Zürich Architektur und Management studiert. Seine Themenschwerpunkte sind die Beratung verschiedener Immobilienakteure in strategischen Fragestellungen und Projektentwicklungen sowie die Bewertung. Er leitet das Trends & Future Lab von Wüest Partner und ist als Innovationsmanager tätig.

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