Wohnen neu entwerfen: Co-Living zwischen Demografie und Raumstruktur
Wie die Architektur auf veränderte Lebensmodelle reagieren kann, zeigt Niels Roefs: Flexible, sozial vernetzte und ressourceneffiziente Wohn- und Quartierskonzepte werden zum Schlüssel für zukunftsfähiges Wohnen.
Die vorangehende Aussensicht ordnet die strukturellen Veränderungen des Wohnungsmarkts aus externer Perspektive ein. Die folgende Innensicht greift diese Entwicklungen auf und reflektiert mögliche räumliche und architektonische Antworten darauf. Dabei beleuchtet das Verwaltungsratsmitglied Niels Roefs, wie zukünftige Wohn- und Quartierskonzepte flexibel, sozial vernetzt und ressourceneffizient ausgestaltet werden können. Der dipl. Architekt HTL/ETH zeigt zudem auf, weshalb wir vermehrt auf Umnutzung, Co-Living und hybride Wohn‑ und Arbeitsmodelle setzen sollten und warum vermehrt flexible Typologien gefragt sind, die über Lebensphasen hinweg funktionieren, soziale Einbindung fördern und bestehende Strukturen intelligent weiterentwickeln.
Gut erschlossene Gemeinden haben eine Sogwirkung
Mit der steigenden Lebenserwartung nimmt der Anteil älterer Menschen kontinuierlich zu, während der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung abnimmt. Parallel dazu wächst die Zahl kleiner Haushalte, insbesondere von Einpersonenhaushalten, sowie nicht-traditioneller Lebensgemeinschaften. Diese Entwicklung führt zu einer erhöhten Nachfrage nach differenzierten Wohnformen, die über verschiedene Lebensphasen hinweg nutzbar sind und selbstbestimmtes Wohnen ermöglichen. Ältere Menschen streben zunehmend nach Wohnformen, die Autonomie, Sicherheit und soziale Einbindung verbinden. Die Nachfrage konzentriert sich dabei insbesondere auf gut erschlossene Zentrumslagen mit Zugang zu öffentlichem Verkehr, Versorgung, Gesundheits- und Freizeitangeboten, wirkt jedoch – in abgeschwächter Form – auch auf ländliche Räume und Berggebiete mit entsprechender Infrastruktur. Die räumliche Dynamik wird dabei durch Sogwirkungen von Gemeinden verstärkt, die bereits altersgerechte Infrastruktur, attraktive Wohnangebote und gute Mobilitätsanbindungen bereitstellen. Regionen, die diese Sogwirkungen nicht entwickeln, leiden zunehmend an der Abwanderung, dem Leerstand und der strukturellen Schwächung. Gleichzeitig verschärft sich der Druck auf den Wohnungsmarkt in urbanen Zentren. Der sogenannte Remanenzeffekt, bei dem ältere Personen grosse, häufig untergenutzte Wohneinheiten belegen, verdeutlicht die Diskrepanz zwischen bestehendem Wohnungsbestand und aktuellen Bedürfnissen. Diese Unterauslastung steht einem Mangel an geeignetem und bezahlbarem Wohnraum für andere Bevölkerungsgruppen gegenüber und macht deutlich, dass künftige Strategien nicht allein auf Neubau, sondern verstärkt auf Umnutzung, Verdichtung und neue Typologien setzen müssen.
Wandelbare Räume, die sich den Lebensphasen anpassen
Vor diesem Hintergrund gewinnen vielfältige und flexible Wohnformen an Bedeutung. Architektur wird dabei als offenes, anpassungsfähiges System verstanden, das Wandel antizipiert und ermöglicht. Modulare Grundrissstrukturen, verschiebbare Raumzonen und nutzungsneutrale Flächen schaffen räumliche Voraussetzungen für langfristige Anpassungen, ohne tiefgreifende bauliche Eingriffe zu erfordern. Die Wohnung wird nicht mehr als statische Einheit konzipiert, sondern als wandelbarer Lebensraum, der sich an veränderte Haushaltsgrössen, Nutzungsanforderungen und soziale Konstellationen anpassen kann. Multifunktionale Räume, die Wohnen, Arbeiten, Schlafen und Gemeinschaft kombinieren, erhöhen die Nutzungsdichte und ermöglichen gleichzeitig eine klare räumliche Differenzierung zwischen Privat- und Gemeinschaftsbereichen.
Eine effizientere Nutzung von Wohnfläche und Ressourcen
Eine zentrale Rolle nimmt in diesem Kontext das Co-Living ein, das gemeinschaftliches Wohnen in unterschiedlichen Ausprägungen ermöglicht. Co-Living wird nicht als einheitliches Modell verstanden, sondern als Spektrum differenzierter Typologien. Diese reichen von mikrostrukturierten Wohneinheiten für Einzelpersonen über clusterartige Wohngruppen mit geteilten Wohn- und Arbeitsbereichen bis hin zu generationenübergreifenden Wohnformen, in denen unterschiedliche Alters- und Lebensphasen bewusst zusammengeführt werden. Charakteristisch ist die bewusste Reduktion privater Flächen zugunsten grosszügiger gemeinschaftlicher Räume, die als soziale Schnittstellen dienen. Gemeinschaftsräume, Werkstätten, Gästezimmer, gemeinschaftliche Küchen und Wohnlounges fördern informelle Begegnungen und alltägliche Interaktionen. Diese sind integraler Bestandteil der architektonischen Konzeption, stärken soziale Netzwerke, reduzieren Isolation und bieten insbesondere älteren Menschen, Alleinstehenden oder sozial benachteiligten Gruppen ein tragfähiges soziales Umfeld. Gleichzeitig ermöglichen sie eine effizientere Nutzung von Wohnfläche und Ressourcen und leisten einen Beitrag zu einem sparsamen Umgang mit Boden und baulichem Bestand.
Co-Living-Strukturen bieten unterschiedliche Grade von Gemeinschaft und Privatheit. Autonome, teilautonome und gemeinschaftlich orientierte Wohnformen können innerhalb eines Gebäudes oder Quartiers koexistieren und ermöglichen individuelle Wahlmöglichkeiten. Diese innere Differenzierung erhöht die soziale Durchmischung und fördert eine langfristige Nutzungsstabilität, da sich Wohnformen an veränderte Bedürfnisse anpassen lassen, ohne dass ein Ortswechsel erforderlich wird. Neben der Wohnfunktion werden Co-Living-Angebote zunehmend als Plattformen für Wissens- und Ressourcenaustausch genutzt. Gemeinschaftlich genutzte Werkstätten, Makerspaces, Bibliotheken oder digital vernetzte Arbeitsplätze erweitern den sozialen Nutzen der Quartiere und fördern lokale Kreativ- und Innovationsnetzwerke.
Die Entkopplung der Arbeit vom festen Bürostandort
Parallel zum Wandel der Wohnformen verändert sich auch die Organisation der Arbeit grundlegend. Digitale Technologien, flexible Arbeitszeiten und ortsunabhängige Tätigkeiten führen zu einer zunehmenden Entkopplung von Arbeit und festem Bürostandort. Die klassische Trennung von Wohnen und Arbeiten verliert an Bedeutung und erfordert neue räumliche Antworten. Co-Working-Spaces übernehmen in diesem Zusammenhang eine vermittelnde Rolle zwischen privatem Rückzug und öffentlicher Arbeitswelt. Sie bieten differenzierte Arbeitsumgebungen, die auf unterschiedliche Tätigkeiten und Arbeitsrhythmen reagieren. Ruhige Einzelarbeitsplätze, kollaborative Zonen, flexibel nutzbare Besprechungsräume sowie informelle Kommunikationsbereiche ermöglichen sowohl konzentriertes Arbeiten als auch Austausch und Zusammenarbeit.
Die Kombination von Co-Living und Co-Working führt zu hybriden Wohn-Arbeits-Typologien, die neue Formen des Zusammenlebens und -arbeitens ermöglichen. Diese integrierten Modelle fördern lokale Wertschöpfung, reduzieren Verkehrsaufkommen und stärken Quartiere als Orte des alltäglichen Lebens. Ergänzende gemeinschaftliche Angebote wie Mobilitätsstationen, Mehrzweckräume, gemeinschaftlich nutzbare Gärten oder Dachterrassen erhöhen die funktionale Dichte und unterstützen eine nachhaltige Innenentwicklung.
Flexible Stadtgefüge mit sozial vernetzten Quartieren
Städtebaulich betrachtet entsteht durch die verdichteten, hybriden Nutzungsmischungen ein flexibles Stadtgefüge, das bestehenden Strukturen folgt und Zwischenräume aktiviert. Erdgeschosszonen werden bewusst als öffentliche Schnittstellen ausgebildet, die sowohl temporäre Nutzungen, Handel, kulturelle Events als auch Begegnungsflächen integrieren. Öffentliche Durchwegungen, grüne Korridore und multifunktionale Plätze fördern eine räumliche Durchlässigkeit und stärken die soziale Vernetzung der Quartiere.
Soziale Infrastruktur ist konsequent in die architektonische Grundstruktur integriert. Pflege- und Unterstützungsangebote, Gemeinschaftsräume, Werkstätten, Fitnessbereiche und medizinische Versorgung sind keine separaten Einrichtungen, sondern Teil des Quartiers. Diese Integration ermöglicht kurze Wege, informelle Nachbarschaftshilfe und soziale Resilienz, die über die reine Wohnnutzung hinausgeht. Ältere Menschen, Familien und Berufstätige profitieren gleichermassen von einem dichten Netz an Angeboten, das alltägliche Versorgung, soziale Interaktion und Freizeitmöglichkeiten kombiniert.
Bestehendes in neue Nutzungskonzepte integrieren
Umnutzung und Bestand bilden einen weiteren zentralen Aspekt. Bestehende Gebäude werden nicht ersetzt, sondern in neue Nutzungskonzepte integriert. Adaptive Wiederverwendung, Erweiterungen und Aufstockungen ermöglichen eine effiziente Nutzung bestehender Infrastrukturen und decken zugleich neue Wohn‑ und Arbeitsbedarfe ab. Die flexible Anpassbarkeit bestehender Wohnungen, ergänzt durch neue Co‑Living‑ und Co‑Working‑Strukturen, macht Quartiere resilient gegenüber dem demografischen Wandel.
Dieser demografische Wandel erfordert ein Umdenken und stellt Raumplanung, Städtebau und Architektur vor neue Herausforderungen. Obwohl diese Erkenntnis vielfach beschrieben und diskutiert wurde, findet sie in der praktischen Umsetzung bislang noch zu selten Anwendung.

Niels Roefs
Mitglied des Verwaltungsrats, Fundamenta Real Estate AG
Niels Roefs ist Mitglied des Verwaltungsrats der Fundamenta Real Estate AG. Der dipl. Architekt HTL/ETH ist seit 2016 Inhaber der Roefs Architekten AG in Zug. Darüber hinaus engagiert sich Niels Roefs in verschiedenen Verwaltungsräten, unter anderem bei der Roefs Immobilien AG (seit 2003), der Zostra AG (seit 2020) sowie der Roefs Investment AG (seit 2022).